Eins, Zwei, Wiegeschritt

Der ADTV beobachtet eine Renaissance der Standardtänze. Nicht alle der drei Herner Tanzschulen sehen diesen Trend. Die Jugend steht auf moderne Rhythmen.
(Ein Bericht aus der WAZ am 26. Mai 2008 von Verena Umbrach)

Achtung, Füße in Gefahr: Der Deutsche Tanzlehrerverband sagt, Wiener Walzer und Cha Cha Cha sind bei Jugendlichen wieder angesagt.

Wiener Walzer und Cha Cha Cha sind bei Jugendlichen wieder angesagt. Das sagt der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband. In den Jahren 2005 und 2006, dazu gibt es die aktuellsten Zahlen, habe es einen Zuwachs von zirka 10 % an den deutschen Tanzschulen gegeben. Die erfolgreiche TV Sendung "Let's Dance" (RTL) schaffe Popularität. Über die Hälfte der Besucher seien jünger als 29 Jahre alt. Geht die Jugend wirklich wieder gern in die altbewährte Tanzschule, um sich vom anderen Geschlecht auf die Füße treten zu lassen? Die Herner ADTV-Tanzschulen Diel, Schmidt-Hutten und Ludwig sind da unterschiedlicher Meinung. "Die Nachfrage ist ziemlich groß, in manchen Kursen sind sogar mehr Jungen als Mädchen, aber die Besucherzahlen haben auch immer etwas mit dem wirtschaftlichen Umschwung zu tun", sagt Tanzlehrer Sascha Drohla von der Tanzschule Diel. Karin Ludwig, die im Jahr 2000 die gleichnamige Tanzschule übernommen hat, beobachtet: "Bei uns in den Kursen sind viel mehr Mädchen als Jungen, aber die Besucherzahlen tendieren auch eher nach oben." Anderer Meinung ist Tina Schmidt-Hutten: "Viele sagen, sie brauchen das Tanzen nicht, es wäre langweilig und sogar unmännlich." Besonders Jungen besuchten nur die Grundkurse und ließen die weiterführenden Angebote links liegen. "Das könnte daran liegen, dass Jungen es als ,Muss' betrachten und Eltern ihre Kinder dazu zwingen." Neben Grund- und Fortschritts- werden Testkurse für Tanzbegeisterte angeboten, die sich unter den strengen Augen von Preisrichtern Medaillen verdienen wollen. "Die meisten Mädchen beginnen die ersten Kurse mit 13 oder 14 Jahren, Jungen eher mit 15 oder 16. Die Teilnehmerzahlen sind schwankend, meistens befinden sich aber zehn bis 30 Jugendliche in einem Tanzkurs", so Karin Ludwig. Auffällig: Größtenteils füllen Gymnasiasten die Standard-Kurse. "Natürlich sind auch Hauptschüler oder Gesamtschüler dabei, aber die gehen dann eher in die anderen Sparten wie Hip-Hop", meint Sascha Drohla. Fest steht, denn darin sind sich die Tanzschulen einig: Es muss Neues geboten werden, um attraktiv zu bleiben. So haben sich zum Beispiel Mambo, Salsa, Jumpstyle oder auch "Dance for Fans" etabliert. "Die Jugendlichen wollen, passend zur Zeit, zu neuen Liedern und Rhythmen tanzen", berichtet Karin Ludwig. Um zeitgemäß zu sein, bieten die Herner Schulen mittlerweile auch Filmabende, Ausflüge in Diskotheken oder Jugendmessen an. Die Tanzschule Diel renovierte sogar komplett neu, um jugendlicher zu wirken. Warme Farben und viele Deckenlampen schaffen Atmosphäre, die ansprechen soll. Die Tanzschule wurde auch mit glitzernen Discokugeln aufgepeppt. "Wir müssen mit der Zeit gehen", sagt Sascha Drohla. Bei Schmidt-Hutten ist auch der Abschlussball, Höhepunkt einer jeden Tanzschule, ein anderer als vor Jahren noch. "Wir gestalten sie viel lustiger und gemütlicher", sagt Tina Schmidt-Hutten. "Die Abschlussbälle sind jetzt noch besser besucht als früher." Welche Anreize heute auch zu setzen gilt, um als Tanzschule Erfolg zu haben: Für Schmidt-Hutten ist Tanzen ein Muss, weil es die allgemeine Fitness fördere, Abwechslung und Freude bringe. "Und ganz nebenbei startet man seine ersten Flirtversuche", so Schmidt-Hutten. Und, das ergänzt Sascha Drohla: Die Jugend lerne in der Tanzschule die Grundregeln des Lebens. Wahrscheinlich bringt es sowieso nichts, sich der Pflicht der Tanzschule zu entziehen, denn, so versichert Schmidt-Hutten: "Die meisten werden später sowieso in die Tanzschule geschleppt, spätestens wenn sie heiraten wollen."